„Die Alten wollen nicht betüdelt*, sondern beteiligt werden“

Veröffentlicht am 08.04.2014 in Veranstaltungen

Aschermittwoch am Neckar: Großer Zulauf beim „Ersten Haßmersheimer Generationengipfel“- Mit gutem Beispiel voran: Gastredner Henning Scherf

Neckar-Odenwald/Haßmersheim„Jeder schiebt’s so lange vor sich vor sich her, wie’s geht.“ Der das über das Alter und den Umgang damit sagt, ist selbst noch weit davon entfernt: der 25-jährige Bürgermeister von Haßmersheim Michael Salomo aber hat nach eigenen Worten im Wahlkampf gemerkt, dass ein „selbst bestimmtes Leben im Alter“ für die Menschen in seiner Gemeinde von Bedeutung ist. Darum begrüßte er die Initiative vom Kreisvorsitzenden Karlheinz Graner der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik (SGK)  in Kooperation mit der evangelische Kirchengemeinde und der Arbeiterwohlfahrt (AWO), am Aschermittwoch zum „ersten „Haßmersheimer Generationengipfel“ einzuladen.

Das ev. Gemeindehaus Rogate war bis auf den letzten Platz besetzt. Dass gut 130 Menschen meist fortgeschrittenen Alters gekommen waren, “überwältigte“ Karlheinz Graner, der in mehrfacher Funktion – für den SGK, den Kirchengemeinderat, als SPD-Kreisrat – eine Reihe prominenter Gäste begrüßte, die später aufs Podium kamen und gewiss den großen Zulauf bewirkt hatten: die baden-württembergische Sozialministerin Katrin Altpeter, der ehemalige Bremer Bürgermeister Dr. Henning Scherf, die SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Dorothee Schlegel, ihr Landtagskollege Georg Nelius, Landrat Dr. Achim Brötel der Vorstand der Familienheim Baugenossenschaft Dr. Klaus-Dieter Roos, der Geschäftsführer der AWO im NOK Peter Maurus, Herrn Huber als Vorsitzender der Sozialstation der Diakonie, der Referatsleiter Prävention im Polizeipräsidium Heilbronn Joachim Schneider und Bürgermeister Michael Salomo. Auch der Hausherr, Pfarrer Sebastian Bauer-Hoffmann, war gekommen. In den Jesaja-Worten „Bis in euer Alter hin bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet“ erkennt er zwei Elemente, wie sich christliche Gemeinde zeigen sollte: „Kontinuität und Getragensein.“

Das Haus Rogate als Veranstaltungsort passte bestens, werden es doch in sechs Monaten Senioren als Tagespflegeeinrichtung aufsuchen können. Das fand der Hauptredner aus Bremen, der seit 26 Jahren mit seiner Frau und weiteren acht Menschen in einer Hausgemeinschaft lebt, ganz famos. „Damit geben Sie ein gutes Beispiel für Haßmersheim und darüber hinaus als auch eine Anregung für Familien.“ Das mit dem Beispielgeben ist für den 75-Jährigen ausschlaggebend, wenn es darum geht, Konzepte fürs Alter zu finden. Seine eigenen Wünsche formulierte er klipp und klar: „Ich will mitten in der Gesellschaft alt werden, Kinder dabei haben, was zu tun und dabei Struktur haben und nicht einsam sein.“ Dass Mobilität, um die es bei diesem „Gipfel“ gehen sollte, dabei eine zentrale Rolle spielt, ist für Scherf keine Frage. Neben „intelligenten Verkehrsverbünden“ empfahl er aber auch Auto-Teilen, E-Bike, Rollator und Stöcke. Und das tat er mit so erfrischendem wie überzeugendem Enthusiasmus.

Die große Zahl von alten Bürgern – Dorothee Schlegel hatte vor Augen geführt, dass in Baden-Württemberg seit 2000 die Zahl der Ü60 die der U20 übersteige – schreckt Scherf nicht, im Gegenteil: „Das ist deine Chance, du, junger Bürgermeister!“ meinte er Salomo. „Diese Alten sind aktive, großzügige, teilnehmenden Menschen, die nicht betüdelt*, sondern beteiligt werden wollen!“ Ministerin Altpeter sah das ähnlich: „Wenn wir die Perspektive wechseln, dann sie die Älteren mitten in der Gesellschaft, wie alle anderen auch.“ Zurzeit arbeite ihr Ministerium an einem Kompass Seniorenpolitik. Die Haßmersheimer Gespräche seien ihr wichtiger Impuls.

Über Wohnformen hinaus sponn Henning Scherf den Generationen-Faden weiter, könnten „Hoffnungsprojekte“ zur kommunalen Entwicklung und Erneuerung führen, auch dort, wo es nicht so gut läuft, wo Läden leer stünden oder wo Arbeitslosigkeit herrsche. Mit allen anderen aber war er sich darin einig, dass es von den handelnden Personen abhängen. „Der Wille muss von den Menschen kommen“, hatte Katrin Altpeter erkannt, „auch die besten Strukturen funktionieren nur mit den Leuten.“ Wozu, das ließen die Kommunalverantwortlichen die Ministerin auch wissen, finanzielle Mittel des Landes durchaus erwünscht seien. Scherfs Ermutigung „Wer aufgibt, hat verloren“ ließe sich diesbezüglich ebenso anwenden, wie dort, wo sie auf die Situation von Seniorinnen und Senioren gemünzt war. Ebensolche Allgemeingültigkeit hat auch sein Rat gegen die  Altersgefahr Einsamkeit: „Ich muss schon selber rausgehen und nicht warten, dass einer kommt.“ In seinem Schlusswort fasste MdL Nelius noch einmal kurz zusammen: 1. Alte Menschen seien nicht abgeschrieben, sondern von Ihnen könne man „Abschreiben“  2. Alte Menschen können auf vielfältige Weise zur Entlastung unserer Gesellschaft beitragen     3. Mehr denn je seien politische Konzepte notwendig, um alte Menschen noch stärker einzubinden. Herzlichen Dank gelte  H. Scherf, K.Altpeter, für Ihr Kommen. SGK Kreisvorsitzendem Karlheinz. Graner u. dem Veranstaltungsteam für die tolle Organisation.

 

*Betüdeln: norddeutsch: umsorgen, kümmern

 

„Betüdelte“ selbst und wandte sich den ähnlich alten Gästen des erste Haßmersheimer Generationengipfels immer wieder zu: Hauptredner Henning Scherf.

 

Senior unter Seniorinnen und Senioren: der einstige Bremer Bürgermeister Henning Scherf und heutige Experte in Sachen „Leben im Alter“.

 

Antworteten, diskutierten und moderierten auf dem Podium (v.l.): Dr. Klaus-Dieter Roos, Karlheinz Graner, Katrin Altpeter, Peter Maurus, Michael Salomon und Dr. Henning Scherf. Fotos: Ursula Brinkmann